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Gedichte und Liedskizzen
Information
Der Synchronizitätsraum
Angefangen hat es vor einem Jahrzehnt mit einer Empfehlung eines promovierten tiefenpsychologisch ausgerichteten Kollegen: „Du solltest dich mit Alchemie beschäftigen.“
Wenige Tage später begegnete mir tatsächlich ein oberflächlicher Text über C.G. Jung, in dem es um Alchemie ging und das auch den Begriff der Sychronizität enthielt – etwa so: Während einer Therapie wurde über Hummeln gesprochen. Gleichzeitig prallte eine fliegende Hummel am Fenster des Therapie-Raumes ab.
Die Botschaft war: Ein inneres, seelisches Ereignis und ein äußeres Welt-Ereignis treffen ‘aus irgendeinem Grund’ zeitlich zusammen. Soweit ich mich erinnere, wurde kein tieferes Verständnis eines synchronizitären Ereignisses aufgezeigt.
Doch das soll hier geschehen.
Das Herz des Begriffes Synchronizität ist tatsächlich: Ein inneres, seelisches Ereignis und ein äußeres Welt-Ereignis treffen zeitlich zusammen. Die Zeit ist die Klammer, die den gemeinsamen Sinn beider Ereignisse umgreift. Es geht also um Gleichsinnigkeit in der Gleichzeitigkeit (J. Gebser).
Damit stellt sich wesentlich die Frage nach dem Sinn, der nun eben das Verbindende ist. Hier müssen wir ein wenig ausholen: Die Welt ist, was sie ist (Logos). Doch sie ist auch ein Zeichen für etwas anderes, das über das vom Logos Vermittelte hinausgeht (Mythos).
In diesem, zweiten Raum ist der angesprochene Sinn zu finden. Wir können ihn Synchronizitätsraum bzw. Gleichsinnigkeitsraum nennen. Dieser ist – der Sprache des Mythos folgend – durch Symbole kodiert. Das richtig entschlüsseltes Symbol wird uns die Bedeutung aufschließen.
Grundsätzlich kann jede Wahrnehmung als Teil des Realitätsraumes (dieser folgt dem Logos) aber auch als Teil des Synchronizitätsraumes (er folgt dem Mythos) verstanden und entschlüsselt werden.
Ich nehme als Beispiel ein Gespräch mit einem Heilpraktiker aus München, das dies sehr einfach und eindrücklich veranschaulicht. Er sagte, er habe in Tibet einen Meister kennengelernt, der aus der ganz normal beobachtbaren Welt auf die hinter dem Sichtbaren verborgenen individuellen und kollektiven seelische Energien blicken könne.
Dann deutete er auf den Tisch im Restaurant und sagte: Hier stehen ein Aschenbecher, ein Salzstreuer, eine Getränkekarte mit Metallklammer und eine Zeitschrift liegt auf dem Tisch. (= Realitätsraum)
Der Meister könne sich, sagte er, die selbe Tischoberfläche ansehen und aus den Gegenständen sowie ihrem Verhältnis zueinander ableiten, wie sich zwei Interessensgruppen am folgenden Tag bei einem Konflikt verhalten werden. (=Synchronizitätsraum)
Oder ein anderes Beispiel: Ein Geomant machte eine Hausbegehung und sah sich dabei auch die Steine im Garten an: Er sah auffallend viele graue Kies-Steine, die von weißen Quarzadern durchzogen waren.
Der Logos sagt: Das sind Steine, die einen hohen Anteil an Silizium enthalten. Rundgeschliffen wurden sie in fließenden Gewässern. Im Garten haben sie gestalterische Funktion.
Mythos und Geomant sag(t)en: Die Steine sind ein Zeichen dafür, daß in diesem Haus ein oder mehrere Menschen mit einer stark fragmentierten Seele leben.
Natürlich sagt der aufgeklärte Mensch: Das kann nicht sein, daß ein Tisch oder ein paar Steine Aufschluß geben über kommendes Gruppenverhalten bzw. über eine gespaltene Persönlichkeit. Doch darum (um das Abwehrverhalten des Logos) geht es hier nicht.
Vielmehr soll denjenigen, deren Seele bereits die notwendige Entwicklung hinter sich hat, eine Hilfestellung gegeben werden, wenn sie mit Phänomenen in Berührung kommen, die der Logos nicht mehr oder noch nicht erklären kann.
In diesem Zusammenhang möchte ich auch zwei kollektive Schlüssel für meteorologische Synchronizitäten nennen: Demnach kann ein Erdbeben ein Zeichen für kollektive Aggression sein, eine Überschwemmung ein Zeichen für gestaute bzw. entstaute kollektive Gefühle. Wer sich mit der magischen Geschichte von New Orleans beschäftigt, wird eine Reihe von Hinweisen finden, warum gerade dort das Wetter zuschlägt…
(Der tibetische Meister beobachtete übrigens keine Tische, er lenkte seinen Blick auf Naturphänomene wie Wolken, Vogelflug usf.)
Kommen wir wieder zurück zur Theorie:
Wir sagten: Ein inneres, seelisches Ereignis und ein äußeres Welt-Ereignis treffen zeitlich zusammen. Die Zeit ist die Klammer, die den gemeinsamen Sinn beider Ereignisse umgreift. Es geht also um Gleichsinnigkeit in der Gleichzeitigkeit (J. Gebser).
Das synchronizitäre Ereignis kann uns einen verborgenen Sinn entdecken. Es kann uns helfen, eine Situation besser und vollständiger zu verstehen. Der Synchronizitätsraum muß aber nicht im Außen liegen. (Bei den oben genannten Beispielen tut er das.)
‘Gleichsinnigkeit in Gleichzeitigkeit’ kann prinzipiell in allen Wahrnehmungsräumen auftreten und in beide Richtung Bedeutung haben: Die äußere Welt für die innere und die innere Welt für die äußere. Über Wahrnehmungsräume wurde bereits gesprochen. In diesem Beitrag wurden drei Räume unterschieden:
1. die ganz normale Welt – durch die Sinne vermittelt
2. die Vorstellungswelt – durch geistige ‘Bilder’ vermittelt
3. die Traumwelt – durch geistige ‘Bilder’ vermittelt
Alle drei Wahrnehmungsräume können - richtig erkannt und richtig gedeutet - zusätzliche Schlüssel zum Verständnis der seelischen Wirklichkeit liefern.
Zum Abschluß auch noch Beispiele für die andere Richtung: Wir werden jemandem vorgestellt und denken während der Begrüßung zum Beispiel an einen Diebstahl, über den wir in der Zeitung gelesen haben. Oder wir telefonieren mit einem Menschen und haben das kurze Bild eines Archetypen vor unserem geistigen Auge.
Natürlich gilt das auch für unser Leben im Traum: Nicht selten erhalten wir hier ganz wesentliche Botschaften über den Aufbau der Wirklichkeit usf…
Das Entdecken der Symbole und deren richtige Deutung - ist die Kunst der gleichzeitig im Realitätsraum und im Synchronizitätsraum lebenden Weisen.
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